Kategorie: Antisexismus

Demo-Aufruf gegen den Burschentag am 14.06.2014 in Eisenach

Gegen alle Män­ner­bün­de!

Die Deut­sche Bur­schen­schaft zer­legt sich selbst. Auch nach dem ver­gan­ge­nen Bur­schen­tag in Ei­se­nach ebbt die Aus­tritts­wel­le nicht ab: Fast die Hälf­te aller Bünde hat den Ver­band in den letz­ten drei Jah­ren seit dem Skan­dal um den so­ge­nann­ten „Ari­er­pa­ra­gra­phen“ und der damit ein­her­ge­hen­den Es­ka­la­ti­on der Flü­gel­kämp­fe ver­las­sen. Die ver­blie­be­nen Ver­bin­dun­gen sind die offen völ­ki­schen und fa­schis­ti­schen, aus­ge­tre­ten sind die na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven und die, denen ihr Image dann doch wich­ti­ger war als die Tra­di­ti­on. Kurz: Der einst be­deu­tends­te stu­den­ti­sche Kor­po­ra­ti­ons­ver­band ist nicht mehr das, was er ein­mal war.
Eines je­doch ist ge­blie­ben: Die Mit­glieds­bün­de der Deut­sche Bur­schen­schaft sind Män­ner­bün­de – und mit ihnen auch die an­geb­lich „li­be­ra­len“ Bünde, die die DB in den letz­ten Mo­na­ten und Jah­ren ver­las­sen haben, und über­haupt na­he­zu alle deut­schen und ös­ter­rei­chi­schen Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen.
Die Idea­li­sie­rung mar­tia­li­scher Männ­lich­keit, Ho­mo­pho­bie, völ­ki­scher Na­tio­na­lis­mus, Se­xis­mus und an­ti­fe­mi­nis­ti­sche Agi­ta­ti­on sind noch immer Gang und Gäbe in sämt­li­chen Bur­schen­schaf­ten.

You can‘t get out of the Män­ner­bund and the Män­ner­bund can‘t get out of you

Es ist keine harm­lo­se Freund­schafts­cli­que, die sich auf den Ver­bin­dungs­häu­sern ver­sam­melt, son­dern ein eli­tä­rer Män­ner­bund. Deut­sche Freund­schaft, zu Goe­thes und Schil­lers Zei­ten noch als ro­man­tisch und zärt­lich ge­dacht, ent­wi­ckel­te sich im Laufe des 19. Jahr­hun­derts zu einem Bund, der sich ganz der Na­ti­on ver­schrieb. Fort­an waren und sind in­di­vi­du­el­le Ge­füh­le nicht mehr Aus­druck einer ge­gen­sei­ti­gen Zu­nei­gung, son­dern dem ei­nen­den Na­tio­na­len un­ter­zu­ord­nen und auf die­ses aus­ge­rich­tet. An der Spit­ze die­ser Be­we­gung stan­den die Bur­schen­schaf­ten und Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen, die sich seit eh und je män­ner­bün­disch or­ga­ni­sier­ten. Die Freund­schaft, von der die Bur­schen auch heute noch so ehr­fürch­tig da­her­re­den, ist in die­sem Sinne vor allem erst­mal na­tio­na­lis­tisch auf­ge­la­den.
Wenn sich die Bun­des­brü­der ihre Liebe schwö­ren, von wahr­haf­ter Ka­me­rad­schaft und ewi­ger Freund­schaft des Le­bens­bun­des schwär­men, wenn sie in der rei­nen Män­ner­ge­sell­schaft sich bier­se­lig in den Armen lie­gen, sich ganz nahe kom­men und emo­tio­nal er­grif­fen sind, dann stel­len sie rausch­haft eine enge Ge­mein­schaft her. Den­noch, da sind sie sich einig, hat das nicht im Ge­rings­ten etwas mit Ho­mo­ero­tik zu tun. Es gilt jeden noch so kleins­ten Ver­dacht der Ho­mo­se­xua­li­tät ab­zu­weh­ren und zu ver­drän­gen – denn Schwul­sein be­deu­tet in ihren Augen wenig mehr als den Ver­lust von Männ­lich­keit und Selbst­be­herr­schung. Um sich des­sen zu ver­ge­gen­wär­ti­gen be­darf es al­ler­dings noch nicht ein­mal des Bli­ckes auf die Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen, ist eine sol­che Ab­wehr von Ho­mo­se­xua­li­tät bei gleich­zei­ti­gem Aus­le­ben in­nigs­ter gleich­ge­schlecht­li­cher Ge­mein­schaft doch auch in den ganz all­täg­li­chen Männer­run­den eben­so wie in sons­ti­gen män­ner­bün­disch or­ga­ni­sier­ten Grup­pen zu fin­den.
Der Män­ner­bund ist durch eine Hier­ar­chie der ein­zel­nen Mit­glie­der un­ter­ein­an­der ge­kenn­zeich­net. Im Un­ter­schied zum Ke­gel­ver­ein um die Ecke ist diese in den Ver­bin­dun­gen aber der­art ein­ge­rich­tet, dass sie strikt in­sti­tu­tio­na­li­siert sich auf alle Le­bens­be­rei­che der Män­ner­bünd­ler aus­wei­tet. Op­fer­be­reit­schaft und Füg­sam­keit wer­den so als Teil eines au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ters be­son­ders ge­för­dert. Um von der Macht des Bun­des pro­fi­tie­ren zu kön­nen, gilt es zu­nächst, in die­sem auf­zu­ge­hen. In­di­vi­dua­li­tät und ei­ge­ne Be­dürf­nis­se müs­sen im Män­ner­bund hin­ter den zen­tra­len Wer­ten von Ge­mein­schaft und Brü­der­lich­keit zu­rück­ste­hen. Kein Wun­der also, dass die Ver­bin­der auf be­son­ders ge­walt­sa­me Zu­rich­tung ste­hen: Die Idea­le sol­da­ti­scher Männ­lich­keit wer­den in be­son­de­rer Härte vor allem gegen sich selbst ein­ge­übt. Ziel die­ser Männ­lich­keits­ri­tua­le – allen voran der Men­sur – ist das völ­li­ge Auf­ge­hen in der Ge­mein­schaft. Die Be­loh­nung für Härte und Selbst­auf­ga­be ist die Teil­ha­be an der Macht des Män­ner­bun­des und das Be­wusst­sein, zur rang­über­le­ge­nen Grup­pe zu ge­hö­ren. Diese „na­tür­li­che Be­ru­fung und Eig­nung zur Füh­rung“ kön­nen Frau­en und „wei­bi­sche“ Män­ner – so das Den­ken der Ver­bin­der – nicht inne haben. Eli­te­den­ken at its best!

Es könn­te uns ja ei­gent­lich herz­lich egal sein, wenn die Bur­schen sich beim Fech­ten die Ge­sich­ter auf­schlit­zen oder nach dem x-ten Trin­k­ri­tu­al durch ihre Häu­ser stol­pern – doch all das – Schwä­che, Sinn­lich­keit, Pas­si­vi­tät –, was sie bei sich ver­leug­nen und müh­sam aus ihrem Cha­rak­ter ver­ban­nen müs­sen, um ihrem ei­ge­nen Männ­lich­keits­bild ge­recht zu wer­den, wer­ten sie bei denen ab, denen sie diese Ei­gen­schaf­ten an­dich­ten. Des­we­gen sind sie ho­mo­phob und se­xis­tisch und des­we­gen fin­den wir sie nach wie vor zum Kot­zen!
Gerne wird Ver­bin­dun­gen „Frau­en­feind­lich­keit“ vor­ge­wor­fen – wir sagen: Das greift zu kurz! Zwar brin­gen Ver­bin­dun­gen eine be­son­ders dra­ma­ti­sier­te Männ­er­rol­le und hel­di­sche Männ­lich­keit her­vor, diese fällt aber ja nicht ein­fach vom Him­mel, son­dern ist viel­mehr eine Zu­spit­zung des­sen, was bür­ger­li­che Männ­lich­keit oh­ne­hin schon aus­macht. Wäh­rend sich Ge­schlech­ter­rol­len aber heut­zu­ta­ge ver­än­dern, wäh­rend neue Ent­wür­fe von Fa­mi­lie und Zu­sam­men­le­ben Ein­zug hal­ten und gar ho­mo­se­xu­el­le Ehen mitt­ler­wei­le mög­lich sind, ver­an­schau­li­chen Bur­schen und Ver­bin­der den­noch, wor­auf diese Ge­sell­schaft noch immer ideo­lo­gisch und his­to­risch auf­baut.
Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen im All­ge­mei­nen und die Deut­sche Bur­schen­schaft im Be­son­de­ren sind Aus­druck des pa­tri­ar­cha­len Prin­zips der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft. Mal mehr und mal we­ni­ger of­fen­sicht­lich und mal mehr und mal we­ni­ger über­zeich­net las­sen sich an ihnen Kenn­zei­chen der pa­tri­ar­cha­len Nor­ma­li­tät ab­le­sen – sind sie doch schließ­lich so alt wie die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft selbst.

All these dirty litt­le boys that think that the girls were only made for toys

In der Vor­stel­lung der Män­ner­bünd­ler wen­det sich ihr Bund gegen über­mäch­ti­ge eman­zi­pa­to­ri­sche und fe­mi­nis­ti­sche Über­zeu­gun­gen, die – schon längst Main­stream ge­wor­den – den Ver­lust männ­li­cher Iden­ti­tät nach sich zögen. Aus die­ser vor­ge­stell­ten Be­dro­hungs­si­tua­ti­on speist sich die Ag­gres­si­vi­tät und Kom­pro­miss­lo­sig­keit män­ner­bün­di­scher Ideo­lo­gie. So glau­ben etwa die Bur­schen der DB, die tra­dier­ten Ge­schlech­ter­rol­len, ja ei­gent­lich das ge­sam­te Abend­land gegen „Gen­der-​Wahn“ ver­tei­di­gen zu müs­sen.
Der Män­ner­bund muss vor Frau­en und ihrem ne­ga­ti­ven Ein­fluss ge­schützt wer­den. Und da diese Be­dro­hung gemäß der män­ner­bün­di­schen Vor­stel­lung über­all ist, müs­sen da­ge­gen be­stän­dig Dämme er­rich­tet wer­den. Der Mann muss sich mit einem Pan­zer ver­se­hen, muss sich so sehr ver­här­ten, dass er gegen die weib­li­che Ver­füh­rung ge­wapp­net ist. Die Angst vor dem Weib­li­chen er­streckt sich dabei auch auf die Se­xua­li­tät, die als Ge­fahr für den Zu­sam­men­halt und die Pro­duk­ti­vi­tät des Män­ner­bun­des wahr­ge­nom­men wird. Durch die weib­li­che Se­xua­li­tät näm­lich wür­den die män­ner­bün­di­schen Idea­le auf­ge­weicht, die emo­tio­na­le Bin­dung von der Ge­mein­schaft und ihrem höchs­ten Zweck ab­ge­zo­gen und En­er­gi­en, die sich in Leis­tung um­set­zen lie­ßen, ver­schwen­det. Die ver­meint­lich rein prag­ma­ti­schen Be­grün­dun­gen, mit denen Män­ner­bünd­ler den Aus­schluss von Frau­en recht­fer­ti­gen – in ge­mischt­ge­schlecht­li­chen Ge­mein­schaf­ten droh­ten „Be­zie­hungs­dra­men“ oder „Ver­füh­rung“ – sind le­dig­lich Aus­druck der Angst vor dem Weib­li­chen.
Da der häus­li­che Schau­platz der Fa­mi­lie weib­lich do­mi­niert sei, dient der Män­ner­bund als le­bens­lan­ger Fa­mi­li­en­er­satz in der öf­fent­li­chen Sphä­re. Er er­mög­licht eine ge­wis­ser­ma­ßen „ge­schlechts­lo­se“ Re­pro­duk­ti­on der Män­ner­ge­mein­schaft ohne Frau­en. Und doch stel­len Frau­en als Gäste auf Kom­mer­sen und Fes­ten, als Ball­da­men und „Freun­din­nen des Hau­ses“ mehr dar als das oft zi­tier­te „schmü­cken­de Bei­werk“. Sie sind ein not­wen­di­ger Teil des män­ner­bün­di­schen Le­bens. Erst durch diese Ver­bin­dung von Fa­mi­lie und Män­ner­bund wird der Mann zu einem „gan­zen Mann“. Die Rolle der Frau ist des­halb keine be­lie­bi­ge, son­dern sie ist für den Män­ner­bund un­ab­ding­bar. In­so­fern tra­gen Frau­en allzu oft wil­lent­lich zu des­sen Funk­tio­nie­ren bei. Män­ner­bün­di­sches Den­ken ist dabei durch­aus wi­der­sprüch­lich. Ei­ner­seits gilt ihm die Fa­mi­lie als Ort der Ver­weich­li­chung, deren ne­ga­ti­ver so­zia­li­sa­to­ri­scher Ein­fluss durch den Män­ner­bund über­wun­den wer­den soll, an­de­rer­seits aber als „Keim­zel­le“ der Volks­ge­mein­schaft und Rück­zugs­ort vor der er­bar­mungs­lo­sen ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz.
Seit An­fang des 20. Jahr­hun­derts, als sich die Ideo­lo­gie des Män­ner­bunds in Re­ak­ti­on auf ge­sell­schaft­li­che Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen ent­wi­ckel­te, hat sich der Cha­rak­ter des Män­ner­bun­des kaum ver­än­dert. Auch heute noch war­nen Red­ner auf den Ver­bin­dungs­häu­sern re­gel­mä­ßig vor dem Aus­ster­ben der Fa­mi­lie und der „Volks­ge­mein­schaft“.
Nach dem Ende des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus sind Ar­gu­men­ta­tio­nen zur Ver­tei­di­gung män­ner­bün­di­scher Or­ga­ni­sie­rungs­for­men in der Regel we­ni­ger stark ideo­lo­gi­siert bzw. wird der Be­griff des Män­ner­bun­des nicht mehr so hoch­ge­hal­ten wie es zuvor noch der Fall war. Statt­des­sen wird auf Kri­tik mit dem Ver­weis auf Plu­ra­li­tät und Mei­nungs­frei­heit re­agiert: Man stehe in einer jahr­hun­der­te­al­ten Tra­di­ti­on, es gebe ja auch rein männ­li­che Fuß­ball­ver­ei­ne oder Stamm­ti­sche, und au­ßer­dem sei ja jedem Men­schen frei­ge­stellt, wie er oder sie leben wolle. Der Män­ner­bund – heute also nur noch eine Frage des Ge­schmacks? Nein, denn nur weil die Män­ner­bünd­ler kei­nen Be­griff von sich selbst haben, heißt das nicht, dass die spe­zi­fi­schen Merk­ma­le des Män­ner­bunds nicht trotz­dem wei­ter be­ste­hen. Tra­di­ti­on wird als Leer­for­mel her­an­ge­zo­gen um Frau­en aus­zu­schlie­ßen. Damit ist und bleibt der Cha­rak­ter des Män­ner­bunds an­ti­de­mo­kra­tisch und eli­tär. Bür­ger­li­chen Me­di­en wie SPIE­GEL und Co., die sich le­dig­lich em­pö­ren, wenn es Ver­bin­dun­gen zwi­schen Neo­na­zis und Bur­schen­schaf­ten auf­zu­de­cken gibt, und den „li­be­ra­len“ Bün­den eine weiße Weste aus­stel­len, muss daher ve­he­ment wi­der­spro­chen wer­den: Nichts ist li­be­ral am Män­ner­bund!

Gegen alle Män­ner­bün­de!
Fe­mi­nis­ti­sche Ge­sell­schafts­kri­tik statt Män­n­er­klün­ge­lei!
Den Bur­schen­tag in Ei­se­nach zum De­sas­ter ma­chen!

von Gegen alle Männerbünde

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