1.2.Das kleine Sponti-ABC

Text?Ein Bei­trag des EA Leip­zig zur Pro­ble­ma­tik un­an­ge­mel­de­ter Demos. In den letz­ten Mo­na­ten kam es bun­des­weit immer wie­der zu zahl­rei­chen „Spontan­de­mos“. In Leip­zig de­mons­trier­ten Men­schen aus ver­schie­de­nen Spek­tren u.a. gegen Na­zi­über­grif­fe, die Räu­mung des Wohn- und Kul­tur­pro­jek­tes „Un­g­domshu­set“ in Ko­pen­ha­gen und die Re­pres­si­ons­flut gegen ver­meint­li­che „ge­walt­tä­ti­ge Glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­ke­rIn­nen“ sowie jeg­li­che For­men staat­li­cher Re­pres­si­on. Bei die­sen Demos ging die In­itia­ti­ve spon­tan von losen Zu­sam­men­hän­gen und Ein­zel­per­so­nen aus. Es gab keine Vor­be­rei­tung sowie keine pla­nen­den und ko­or­di­nie­ren­den Grup­pen.
Es lohnt also, sich ein wenig Zeit zu neh­men und sich mit den Be­son­der­hei­ten von „Spontan­de­mos“ aus­ein­an­der­zu­set­zen, denn auch spon­ta­ne Demos sind „rich­ti­ge“ Demos, wei­sen aber ein paar nicht un­wich­ti­ge Be­son­der­hei­ten auf, die es zu be­ach­ten gilt, um un­se­re Sache auch spon­tan auf der Stra­ße ver­tre­ten zu kön­nen. Dies soll keine Ab­schre­ckung sein, son­dern Euch viel­mehr er­mu­ti­gen, auch spon­tan Eure Mei­nung, Eure Wut oder auch mal Eure Freu­de auf die Stra­ße zu tra­gen. Ihr soll­tet Euch nur im Vor­feld fra­gen, ob ihr in der Lage seid, die Si­tua­ti­on zu über­bli­cken und viel­leicht den einen oder an­de­ren Punkt die­ses Tex­tes be­rück­sich­ti­gen. Ju­ris­tisch gibt es die Un­ter­schei­dung in „nor­ma­le“ De­mons­tra­tio­nen, Eil-​De­mos und Spon­tan-​De­mos. Ge­ne­rell be­steht immer die Pflicht, bis spä­tes­tens 48 Stun­den vor Ver­öf­fent­li­chung der Auf­ru­fe (und nicht erst vor De­mo­be­ginn) eine Demo an­zu­mel­den. Bei Eil-​De­mos kann diese Frist der 48 Stun­den nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Trotz­dem müs­sen Eil-​De­mos beim Ord­nungs­amt (z.B. te­le­fo­nisch) an­ge­mel­det wer­den. Der Un­ter­schied zwi­schen „nor­ma­ler“ und Eil-​De­mo ei­ner­seits und Spontan­de­mo an­de­rer­seits ist, dass letz­te­re sich wegen des ak­tu­el­len An­las­ses so­fort bil­det, keine ver­ant­wort­li­che Ver­an­stal­te­rin und – vor­erst – auch keine (ver­ant­wort­li­chen) Lei­te­rin be­nö­tigt. Spontan­de­mo heißt also, dass die Demo wegen des ak­tu­el­len An­las­ses so drin­gend ist, dass keine Zeit für eine An­mel­dung bleibt bzw. das Ord­nungs­amt schon ge­schlos­sen hat. Wich­tig ist noch zu be­ach­ten, wer der Po­li­zei ei­gent­lich als Ver­an­stal­te­rin einer Demo gilt: So­bald eine Grup­pe oder eine Per­son im Vor­feld er­kenn­bar die Ver­ant­wor­tung für eine Demo über­nimmt („deut­lich her­vor­ge­ho­be­ne vor­be­rei­ten­de or­ga­ni­sa­to­ri­sche Funk­ti­on“), gilt sie als Ver­an­stal­te­rin und ist damit prin­zi­pi­ell an­mel­de­pflich­tig. Eine fest­stell­ba­re Ver­an­stal­te­rIn macht sich durch Un­ter­las­sen der An­mel­dung grund­sätz­lich straf­bar. Eine Demo, die trotz mehr­stün­di­ger Mo­bi­li­sie­rung nicht an­ge­mel­det wurde, kann – muss aber nicht – von der Po­li­zei auf­ge­löst wer­den. Gegen diese Auf­lö­sung kann na­tür­lich so­fort eine Spontan­de­mo durch­ge­setzt / ver­sucht wer­den… Bei Nicht­auf­lö­sung kann die Po­li­zei ge­gen­über der Menge oder De­le­gier­ten oder einer spon­tan ge­wähl­ten, lei­ten­den Per­son Auf­la­gen be­stim­men be­züg­lich Route, Dauer, Trans­pis usw. Da hier­ge­gen schnell genug kein Rechts­schutz mög­lich ist, kommt es dabei aus­schließ­lich auf die Ver­hand­lun­gen vor Ort und v.a. eine rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung der Kräf­te­ver­hält­nis­se an. Es ist also wich­tig für euch ein­zu­schät­zen, wel­che For­de­run­gen Sinn ma­chen und diese ge­gen­über den Bul­len auch zu ver­tre­ten. Dafür kön­nen die Teil­neh­me­rIn­nen einer Spontan­de­mo einE Lei­te­rIn „wäh­len“, die dann als Ver­ant­wort­li­cheR mit der Po­li­zei, z.B. über die Route usw. ver­han­delt. Wich­tig ist, dass die­seR Lei­te­rIn die Demo nicht als Ver­an­stal­te­rIn an­mel­den/sich ver­ant­wort­lich er­klä­ren muss, da es bei einer Spontan­de­mo ja ge­ra­de kei­neN Ver­an­stal­te­rIn gibt. Eben­so spon­tan kön­nen sich auch Ord­ne­rIn­nen fin­den. Es kann also unter be­stimm­ten Um­stän­den sinn­voll sein, einE Lei­te­rIn der Demo zu wäh­len, um die Ver­hand­lun­gen mit den Bul­len zu ver­ein­fa­chen. Lasst euch aber nicht ver­un­si­chern und lehnt jede Ver­ant­wor­tung als Ver­an­stal­te­rIn ge­gen­über den Bul­len ab. So kann die Ver­ant­wor­tung, die sich aus dem Ver­samm­lungs­ge­setz für die ein­zel­ne Per­son er­ge­ben würde, ab­ge­wen­det wer­den und es er­scheint nie­mand na­ment­lich als Ver­an­stal­te­rIn bei den Bul­len. Au­ßer­dem gibt es noch ein paar Sa­chen die Mensch be­ach­ten soll­te, um den Bul­len die Auf­lö­sung der Ver­an­stal­tung nicht zu ein­fach zu ma­chen.
Eine spon­ta­ne Demo ohne Ver­an­stal­te­rIn liegt näm­lich de­fi­ni­tiv nicht vor, wenn z.B. – auf­wän­dig neu ge­mal­te Trans­pis, – Auf­ru­fe mit ViSdP (Ver­ant­wort­li­cheR im Sinne des Press­rechts),- lange und des­halb nach­weis­bar vor­ge­fer­tig­te Re­de­bei­trä­ge usw. vor­han­den sind. Nicht gegen eine spon­tan durch­ge­führ­te Demo spre­chen da­ge­gen alle Dinge, die ent­we­der schon vor­han­den sind (Me­ga­pho­ne, alte Trans­pis, Fah­nen, evtl. auch ein Lauti) oder die sehr schnell her­ge­stellt wer­den kön­nen (z.B. Hand­zet­tel, nicht ab­ge­le­se­ne Re­de­bei­trä­ge usw.) Ent­schei­dend für die Durch­füh­rung einer Spontan­de­mo ist die Dauer der Mo­bi­li­sie­rung. Wenn Ihr z.B. ein Pos­ting auf In­dy­me­dia stellt und das Stun­den bevor es ei­gent­lich los­ge­hen soll, könnt Ihr ziem­lich si­cher sein, dass die Po­li­zei das mitt­ler­wei­le auch weiß und unter die­sem Ar­gu­ment die Demo unter Um­stän­den auf­lö­sen kann. We­ni­ger si­cher weiß die Po­li­zei bei SMS-​Ket­ten im Vor­feld Be­scheid und mög­li­cher­wei­se kei­nen blas­sen Dunst hat sie bei der alten Tak­tik der Mund-​zu-​Mund-​Pro­pa­gan­da. Nicht zu­letzt weiß Mensch nie genau was auf dem wei­te­ren Ver­lauf der Demo so pas­sie­ren wird, des­halb gilt auch und be­son­ders bei Spontan­de­mos das klei­ne De­mo-​1×1! Eine ganze Menge also, was man im Kopf be­hal­ten soll­te für die nächs­te Spontan­de­mo! Und zu al­le­dem be­son­ders eins: Lasst euch nicht ein­schüch­tern von den Tricks der Po­li­zei!

Quelle: Antifa RGB